Yasemin Wüstenhagen Rassismus ist überall Deutschland Türkei Schleier Verstecken

Ich bin von hier und doch nicht wie Ihr

Rassismus ist überall. Und doch habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich einen Text wie diesen schreiben kann, schreiben darf. Denn darf ich mich einem Thema annehmen, von dem ich gar nicht direkt betroffen bin? Kann ich mitreden in einer Debatte, deren Ursprung so lange vor meiner Zeit liegt? Die Antwort sollte lauten „JA!“. Denn, wenn komplexe Sachverhalte immer nur ausgeblendet werden, wie soll sich je etwas ändern? Wenn niemand über seine persönlichen Erfahrungen spricht – scheinen sie noch so marginal – wie soll die Welt davon erfahren? 

Nie war es wichtiger, Position zu beziehen

Der gewaltsame Tod von George Floyd hat uns allen vor Augen geführt wie präsent Rassismus heutzutage immer noch ist und mir damit den Impuls gegeben, meine Geschichte zu erzählen. Vorab möchte ich klarstellen, dass ich mit diesem Text niemanden verletzen, keine Form des Rassismus kleinreden und schon gar nicht den „All-Lifes-Matter“-Rufen Gehör verschaffen will. Vielmehr möchte ich ein Stück weit begreifen und – sofern es in meiner Macht steht – begreifbar machen, wie tief Stereotypen in unserem Denken verankert sind. Und es bedarf nicht einmal der augenscheinlichen Andersartigkeit, um diese zu wecken.  

Wie ist es, Zielscheibe rassistischer Anfeindungen zu sein?   

Ich weiß nicht, was es bedeutet, auf offener Straße angestarrt zu werden, Pöbeleien über sich ergehen zu lassen. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, unbegründet von der Polizei kontrolliert zu werden, willkürlich von Türstehern den Zutritt verwehrt zu bekommen. Ich weiß nicht, was es in einem Menschen auslöst, von vornherein als Person zweiter Klasse behandelt zu werden, von völlig Fremden unterstellt zu bekommen, weder die Sprache noch die Werte des Landes zu teilen. Ich weiß nicht wie das ist. Und ganz ehrlich? Ich will es auch nicht wissen.  

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Foto: © Ehimetalor Akhere Unuabona, Unsplash 

Bin ich eine von Euch oder habt Ihr Euch doch getäuscht? 

Ich weiß, wie es mir geht. Ich weiß, wie ich mich fühle. Meine Haut ist weiß wie Schnee, mein Blick unschuldig wie der eines Rehs, meine Sprachkenntnisse nicht kleinzureden. Da sticht nichts aus dem Bild. Ich kann durch dieses Land gehen, ohne aufzufallen. Aber bleibe ich einen Moment zu lange stehen, gebe ich Euch die Chance mich kennenzulernen, seht Ihr genau hin, hört Ihr genau zu, dann beginnt die Fassade zu bröckeln. Kleine Eigenheiten bahnen sich den Weg an die Oberfläche, Unterschiede werden greifbar bis sie kaum noch zu überspielen sind. 

Rassismus begleitet mich von Kindheitsbeinen an

Rassismus durchzieht unsere Gesellschaft, ist überall. Fest in den Köpfen verankert, wird er von Generation zu Generation weitergegeben. Zum ersten Mal bewusst wurde mir das im Gemeinschaftskunde-Unterricht. Denn da saßen all diese Kinder, gute deutsche Staatsbürger, weiße Mittel- bis Oberschicht, probierten sich an Einbürgerungstests, die sie nicht lösen konnten und plapperten in ihrer Überheblichkeit nach, was sie wahrscheinlich von ihren Eltern gehört hatten: Ob eingebürgert oder nicht – Ausländer sind faul, wollen weder arbeiten, noch die Sprache erlernen, sind kriminell, gewalttätig, bleiben immer nur unter sich. Doch woher sollten diese Schüler es auch besser wissen? Es gab beinahe keine Migranten unter ihnen, alle ausgesiebt, nicht systemkompatibel.  

„Bitte sag, dass Du kein Ausländer bist!“ 

„Das kann doch nicht sein, oder?“ – So reagieren Leute, wenn sie erfahren, dass ich Linkshänderin bin. Es ist auch im 21. Jahrhundert für Lehrer, Mitschüler und Kollegen immer noch schwer vorstellbar, dass jemand mit der „schmutzigen Hand“ schreibt, ohne unter weiteren ernstzunehmenden Beeinträchtigungen zu leiden.  „Das stimmt doch nicht?“ – Doch, leider stimmt es: Die meisten Menschen würden es der Realität vorziehen, sich verhört zu haben, kommt ihnen zu Ohren, dass meine Familie mütterlicherseits aus der Türkei stammt. Wer nur meinen Namen hört, mag denken: Klingt ein bisschen exotisch, vielleicht ein Mitbringsel aus dem Urlaub. Hier lassen sich die Fakten noch problemlos durch eine plausible Argumentation in die präferierte Richtung lenken. Doch sobald alle Tatsachen auf dem Tisch liegen, fallen die Menschen in einen Zustand kognitiver Dissonanz, ihr Weltbild gerät ins Wanken.

Denn wo bleibt der dogmatische Hinterwäldler, der mit Sprengstoffgürtel bestückte religiöse Fanatiker in der jungen Frau vor ihnen? 

„Aber Du bist doch nicht so.“ – Geht es noch eine Spur taktloser?

Die Reaktionen auf meinen Migrationshintergrund in dritter Generation – mit dem ich mich nicht einmal identifiziere – sind verschieden. Bei den einen schwingt Entsetzen, Abstoßen oder einfach nur Mitleid mit im Blick, als wären sie etwas Besseres. Den anderen wird es plötzlich glasklar: „Ich habe mir gleich gedacht, dass da was nicht stimmt! Deine dunklen Haare und die Augen!“ (Kleiner Disclaimer am Rande: Erstens, meine Haare sind dunkelblond; zweitens, keiner meiner mir bekannten türkischen Verwandten hat braune Augen.) Wieder andere übermannt das schlechte Gewissen, in ihrem Stigmatisierungswahn über mich geurteilt zu haben und sie entschuldigen sich mit den Worten: „Ja, aber Dich habe ich doch gar nicht gemeint, Dich kenne ich, Du bist integriert.“ – Schönen Dank auch.  

Mehr Offenheit, weniger Vorurteile – das muss doch gehen! 

Ich gebe ja zu, das Thema ist komplex. In unser aller Verhalten – ich nehme meines hier gar nicht aus – zeigen sich rassistische Tendenzen. Wie sollte es auch anders sein, schließlich wurden wir in dieser weißen, von Rassismus geprägten Kultur sozialisiert. Und auch wenn ich als Kind mit einer schwarzen Puppe gespielt habe, habe ich beispielsweise bei Straßenumfragen noch nie einen schwarzen Menschen angesprochen. Das fühlt sich im Rückblick so falsch an! 

Menschen fürchten sich vor dem Fremden

Das ist völlig okay. Schließlich muss man das Fremde erst kennenlernen, um ihm die Obskurität zu nehmen. – Aber wenn wir ehrlich sind, wollen wir den „anderen“ diese Chance gar nicht geben, interessieren uns viel zu wenig für sie. Es ist paradox: Wir wollen den uns Fremden das ihnen Fremde aufdrücken. Wollen Respekt von ihnen, doch haben keinen für sie übrig. Wollen, dass sie sich anpassen, ihre Identität aufgeben, um zu sein wie wir, um dazuzugehören, dabei hoffen wir im Stillen, dass es nie so weit kommen wird, damit wir weiterhin über ihnen stehen können.

Doch wie kann ein Mensch mehr wert sein als der andere? Warum soll eine Kultur mehr Ansehen verdienen als die andere? Woher kommt dieser unterschwellige Hass, diese intrinsische Abneigung den „anderen“ gegenüber? 

Nicht besser, nicht schlechter, ANDERS! 

Gruppen können sich nur in Abgrenzung zu anderen definieren – so sagt es jedenfalls die Kulturwissenschaft. Per se ist das ja noch nichts Schlimmes. Doch warum geht dieses Abgrenzen immer gleich mit einem Abwerten des anderen, des Fremden einher? Warum können wir dieses Anderssein nicht einfach akzeptieren, versuchen es zu verstehen, es kennenlernen, uns darauf einlassen, wie auf einen neuen Song unserer Lieblingsband?  

Ich bin von hier…   

Ich lebe in diesem Land. Und ich lebe gern hier. Denn alles, was ich liebe, alles, was mir vertraut ist, alles, was eine Bedeutung für mich hat, ist hier. Ich bin zwar weder sparsam noch pünktlich, doch dafür immer gestresst, höflich distanziert, ich bleibe an der roten Ampel stehen, verbessere bei anderen ungefragt die Grammatik und verspreche nichts, was ich nicht halten kann. Mein Verhalten hat so viele deutsche Züge. Und doch würde ich das Deutschsein nie für mich reklamieren.  

… und doch nicht wie Ihr. 

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Ich bin ungefähr so türkisch wie ein Vogel, der auf dem Weg gen Süden Halt macht in türkischen Gefilden. Ich liebe Baklava und Sarma und Wassermelone und Feigen. Gleichzeitig zeige ich zu viel Haut, bin der türkischen Sprache nicht mächtig, weder gläubig, noch übermäßig behaart, rieche nicht nach Knoblauch, meistens jedenfalls nicht – nur um mal die gängigsten Klischees zu entkräften. Und doch liegen meine Wurzeln in diesem mir beinahe komplett fremden Land, legen mir Steine in den Weg, manchmal gar Felsbrocken auf die Füße.

Ich bin gut, so wie ich bin

Ich bin Yasemin. Mein Vorname ist türkisch. Mein Nachname nicht ganz so unüblich. Bin zwei Nationalitäten schwer und noch so viel mehr! Ich weiß, dieser Text sollte nicht mit einem albernen Reim enden. Denn Rassismus ist ein sensibles Thema. Wahrscheinlich muss jeder von uns im Umgang mit ihm noch sehr viel lernen. Ich verurteile niemanden, doch hoffe, der ein oder andere überdenkt, nach der Lektüre dieses Textes, wenigstens einmal mehr seine nächste Pauschalaussage über Menschen mit Migrationshintergrund.

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