Warum ich mich nicht wiege Yasemin Wüstenhagen

GEWICHT(ig) nichtig! – Warum ich mich nicht wiege und mein Essen erst recht nicht!

Für die Welt bist du nur eine Zahl, aber lass’ diese Zahl niemals zu deiner Welt werden! 

Wir sind einer von 80 Millionen Deutschen, essen statistisch gesehen 95 Gramm Zucker am Tag, gehören vielleicht zu den 1,6% der Bevölkerung, die sich rein pflanzlich ernähren und eventuell sind wir das eine von fünf Kindern, das im Laufe seiner Jugend eine Essstörung entwickelt.  

Alles wird gegliedert, in Daten und Fakten

Penibel festgehalten, in Balken und Kreisen. Wir sind ein Strich im Diagramm, unser Leben ein Punkt auf der Skala. Wahrscheinlichkeit wird über Wirklichkeit gestellt. Alle Eventualitäten kalkuliert, Nervenkitzel ausradiert. Unsere Welt ist geprägt von Nüchternheit. Und das ist kein Wunder, denn wer darf heute noch einzigartig sein?

Foto: © Diana Polekhina, Unsplash

Wir erblicken das Licht der Welt, doch statt einer freudigen Begrüßung bekommen wir ein Maßband um den Kopf gelegt, werden gewogen, auf Fehler untersucht. Plötzlich werden wir gehandelt wie kleine Ein-Personen-GmbHs, unser Marktwert wird ermittelt. Bereits im Kreissaal wird beurteilt, inwieweit wir dem, eigentlich nicht zu erreichenden, Ideal entsprechen, was uns daran hindern könnte, unser volles Potenzial auszuschöpfen. Wo wir doch eigentlich nichts sehnlicher bräuchten, als das Gefühl, geliebt zu werden, für das, was wir sind – unabhängig davon, was das ist. 

Das zieht sich durch unser gesamtes Leben

Wir werden begutachtet, in Sekundenschnelle, abgelehnt, wenn wir nicht ins Bild passen. Im Mittelpunkt steht stets unsere äußere Erscheinung, innere Werte zählen kaum.

Und so machen wir unser Selbstbild abhängig von Zentimetern und Kilogramm. Stellen uns auf Waagen, doch wagen nicht den Blick in den Spiegel. Wir geißeln unseren Körper, aber hören nicht in ihn hinein.  

Unser Maßstab? Perfektion!

Wir leben in einer Gesellschaft, die Ziffern über Gefühle stellt, für Schwäche keine Gnade kennt. Und wie sollen wir da ein gesundes Verhältnis zu uns und unserem Körper entwickeln, wenn wir von Klein auf in ein Zahlengerüst gedrängt werden? Wenn wir immer nur die aufgehende Gleichung sein dürfen, obwohl uns doch eigentlich ein weites Meer an Möglichkeiten zur Verfügung steht? 

Foto: © Tyler Nix, Unsplash

Ich habe mich lange gefragt, woher diese Unzufriedenheit rührt? Warum wir uns nicht einfach für das lieben, was wir sind? Wann wir eingeimpft bekamen, niemals genug zu sein? – Bis ich gemerkt habe, wie sehr Zahlen meine Gedanken vergiften. Was ich dann gemacht habe, mag für die meisten marginal klingen, doch es hat so viel verändert, meine Welt neuausgerichtet: 

Vor zweieinhalb Jahren habe ich aufgehört mich zu wiegen!

Denn ich wollte mich nicht mehr schlecht fühlen, wenn die Zahl auf der Waage größer als 50 war; ich wollte nicht mehr in dieser Absurdität gefangen sein, mich vor und nach dem Sport zu wiegen und zu schauen, ob sich innerhalb einer Stunde, etwas an meinem Körper verändert hat; ich wollte nicht einen ganzen Tag gegen die Wand fahren, nur weil die Waage am einen Morgen mehr Gewicht angezeigt hat als am Vortag. Nein! – Ich wollte mich befreien aus diesem Geflecht aus Zahlen, diesen inneren Druck aufgeben, den Stress hinter mir lassen. 

Ich wollte mein Selbstwertgefühl nicht mehr von einer beschissenen Nachkommastelle abhängig machen.

Denn ich bin gut, so wie ich bin.

Mein Körper ist gut, so wie er ist. Deswegen möchte ich ihm alles geben, was er braucht, um glücklich, gesund und vor allem satt zu sein! Und genau aus diesem Grund bin ich ein absoluter Gegner des bei Fitness-Anhängern so beliebten Trackings. Denn das Abwiegen des Essens hat denselben restriktiven Charakter wie die zwanghafte Kontrolle des Körpergewichts. Was gewinne ich denn, wenn ich 30 Gramm Haferflocken zu mir nehme, dafür aber den ganzen Tag an nichts anderes denken kann, als daran, wann ich wieder essen darf; wenn ich genauso gut vier Esslöffel mit Haferflocken vollpacken und mich danach zufrieden fühlen kann? Wen interessiert es denn, ob ich 150 Gramm oder doch einfach drei ganze Karotten gegessen habe?

Was hat die Kalorienpolizei in meinem Kopf denn davon, wenn sie mir das Leben unnötig schwermacht?

Schließlich kostet jedes Abwiegen zusätzlich Zeit, sorgt für mehr schmutziges Geschirr und das Schlimmste? Es macht schleichend unsere Beziehung zum Essen kaputt. 

Wie wäre es also, wenn wir da nicht mehr mitmachen; wenn wir einfach aus der Matrix ausbrechen? 

Wenn ich koche, wiege ich absolut nichts ab, werfe nach Gefühl zusammen, was mir in die Hände fällt und worauf ich Lust habe. Maximal bei Nudeln gucke ich mir die Menge genauer an. Genauso ist es beim Backen. Wer meine Rezepte kennt, weiß, dass ich beispielsweise nie Obst oder Gemüse abwiege, sondern immer nur genauere Angaben bei Mehl, Nüssen, Zucker und Milch mache.

Warum ich mich nicht wiege Yasemin Wüstenhagen mit Cups

Zum Messen greife ich auf Cups oder Tassen zurück

Ich empfinde es nämlich als wesentlich einfacher, Dinge im Verhältnis zueinander zu mischen, als auf genaue Grammangaben zu achten. Ich hoffe, ich verwirre damit niemanden zu sehr und empfehle ganz klar: AUSBROBIEREN! Denn ein weiterer Vorteil, den die Cups mit sich bringen, ist, dass nicht sofort ersichtlich wird, wie viel Gramm wir denn nun verwenden und es so der Kalorienrechner im Hinterkopf nicht mal heimlich wagt, mit dem Rattern zu beginnen.   

Cups und das Vertrauen in meinen eigenen Körper sind für mich der Schlüssel zum Glück

Ich kann nicht mal sagen, ob ich zu- oder abgenommen habe seit diesem Juli 2018, in dem ich die Waage aus meinem Leben verbannt habe. Aber ich kann sagen, dass ich jetzt viel mehr auf mein Hungergefühl höre und esse, soviel ich will; dass ich gelernt habe mich auch mit Blähbauch zu akzeptieren; dass ich verstanden habe, dass sich mein Körper im Laufe eines Zyklus verändert und dass das okay ist

Und ich wünsche jedem einzelnen von Euch, dass er auch an diesen Punkt kommt

Denn wir alle sind mehr als unser Bauchumfang, mehr als unsere Konfektionsgröße, mehr als die Zahl auf der Waage oder die Wahrscheinlichkeit im Alter an einer Herzkreislauferkrankung zu leiden. Wir sind Individuen, wertvoll, schillernde Persönlichkeiten, verfügen über 10.000 Geschmacksknospen, die es allesamt verdient haben, ihrer Bestimmung nachgehen zu dürfen! Wenn das mal kein GEWICHTIGER Grund ist, die Waage wegzuwerfen und einfach nur zu genießen… 

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